Interview

Nikolai Will, selbst Schauspieler und ein besonders geschätzter Kollege, interviewte mich für seine Serie "13 Fragen an..." auf seinem sehr lesenswerten Blog zum Thema Schauspiel: "Ich, Will".

Hier geht es zum Interview.

 

Von da an gab´s kein zurück mehr, und das ist auch gut so! - 13 Fragen an Claudia Dalchow

von Nikolai Will

Die Bühne hat sie mit Ihrem Schauspiel-, Tanz- und Gesangstalent schon erobert. Ihre Stimme schon zahlreiche Hörspiele bereichert. Nun steht Claudia bereit den Bildschirm und die Leinwand zu erobern. Einige vielversprechende Kostproben gab es schon, aber ich möchte noch viel mehr sehen! Und wer Claudia wie ich beim Schauspielcoaching erleben durfte, weiss dass da etwas äusserst sehenswertes auf Euch zukommt!

 

 

1.) Hallo Claudia stell Dich mal kurz vor?

Hallo, mein Name ist Claudia Dalchow, ich bin Schauspielerin und Sprecherin und lebe in Köln. Ich bin auch in Köln geboren, was man überhaupt nicht hört, ich spreche zwar stapelweise Fremdsprachen, aber Kölsch kommt mir irgendwie nicht flüssig über die Lippen. Mein permanentes Fernweh, Temperament und Getränkegeschmack machen mich eher zur gefühlten Südeuropäerin.

2.) Was war Dein Berufswunsch als Kind?

Künstlerin (und damit meinte ich Malerin), als ich klein war, wollte ich wirklich überhaupt nichts anderes. Ich habe ständig und überall gemalt oder gezeichnet, Papier war toll, aber es ging auch auf Servietten, Bauklötzen, Tapete, Tischplatte (meine Mutter war zum Glück sehr geduldig). Damals wusste ich noch nichts von Schauspiel und meine Eltern offensichtlich nichts über Grafik-Design, sonst hätten sie mir nichts über "brotlose Kunst" erzählt und mich zu einer Banklehre überredet, der eigentlich ein BWL-Studium folgen sollte. Ich habe dann doch Design studiert und arbeite heute neben der Schauspielerei noch immer als Grafik-Designerin.

 

3.) Warum bist Du Schauspielerin geworden?

Bei mir ist die Frage eher, warum bin ich so spät Schauspielerin geworden, denn ich hätte es eigentlich schon ganz früh wissen können. Ich habe schon als Kind jede Schallplatte mit Geschichten, Gedichten oder Liedern auswendig gelernt und meinen Eltern und jedem, der zu Besuch kam, vorgeführt. Damit konnte man als Kind locker wertvolle Noch-nicht-ins-Bett-geh-Zeit rausholen. Ich habe Stunden damit verbracht, die ausgefallensten Kostüme zu erfinden (das mach ich heute immer noch). Und ich habe mich später, auch während meines Studiums, immer mehr und mehr "in der Nähe" der Bühne rumgetrieben, ... und irgendwann habe ich angefangen Schauspielunterricht zu nehmen. Von da an passierte alles wie von alleine. Meine Lehrerin besetzte mich in einer schönen Inszenierung, obwohl ich bekloppte Perfektionistin damals noch gar nicht dachte, dass ich reif genug sei: "Claudia, du bist so dermaßen bühnenreif, du spielst jetzt gefälligst!" Gleich das nächste Stück danach (Doppelhauptrolle in "Die Nacht der Puppen" von Arrabal), war so ein Erfolg mit guter Presse, Auszeichnung, Aufführungen in sechs Städten, dass es für mich verrückt gewesen wäre, Schauspiel weiter "nebenher" zu betreiben. Von da an gab's kein zurück mehr, und das ist auch gut so!

4.) Du sprichst seit einigen Jahren Hörbücher wie "In den Nebeln Havenas" oder "der Feuertänzer" ein? Worin liegt der Reiz nur mit der Stimme zu arbeiten?

Es gibt vieles, was daran Spaß macht: Es ist erstmal sehr schnell zu produzieren (keine Maske, Kamera, Locations etc.), dafür muss man die Bilder eben im Kopf erzeugen. Man kann extrem schnell zwischen verschiedenen Rollen, Charakteren, Altersgruppen, Akzenten etc. switchen, da Aussehen gar keine Rolle spielt, kannst du wirklich alles sprechen, was du aus dem Maul kriegst. Im letzten Hörbuch, das ich gesprochen habe, gibt es an einer Stelle einen Dialog von mir mit mir, mit zwei verschiedenen Stimmen, das ist schon extrem lustig anzuhören. Was ich auch sehr faszinierend finde ist Synchronsprechen, auch wenn es eine geradezu übermenschliche Konzentration braucht. Eine andere Person oder ein gemaltes oder animiertes Etwas mit Deiner Stimme agieren zu sehen, ist ein Riesenspaß.


5.) Wie war es mit MK Lewis zu arbeiten mit dem Du im November vier Wochen lang in einer "Intensive Class" arbeiten durftest?

Ein absolutes Geschenk. Wir waren 4 Wochen jeden Tag mit ihm zu DRITT, da ist der Name Intensive mal verdient. MK ist sehr, sehr genau: "The camera doesn't blink", er auch nicht, er sieht wirklich alles. Und er hat ein geradezu diebisches Vergnügen daran, einen manchmal auch erst richtig Mist bauen zu lassen, nur um einem dann nachher mit zwei, drei präzisen Anweisungen zu zeigen, wie es besser geht. Aber das macht er auf eine unglaublich humorvolle, warmherzige und vollkommen unprätentiöse Art. Ich habe selten mit solchem Wohlgefühl in so kurzer Zeit so viel gelernt. Über sich selber lachen können ist definitiv hilfreich dabei. Zwei Abende pro Woche durften wir zusätzlich an seinen regulären Advanced und Masterclasses mit Studenten aus Los Angeles teilnehmen, was noch mal besonders toll war.

6.) Warum würdest Du Coaching jedem Schauspieler empfehlen?

Weil man einfach fit und beweglich bleiben muss. Wir sind unser eigenes Instrument. Für einen Geiger oder Sänger oder Balletttänzer ist es normal jeden Tag stundenlang zu trainieren. Und die meisten Schauspieler drehen oder spielen nun mal nicht jeden einzelnen Tag. Eine abgeschlossene Ausbildung ist sicher toll, aber auch danach muss es weitergehen. Ich habe das schon die verschiendesten Lehrer sagen hören: "Wisst Ihr, warum die besten der Welt die besten der Welt sind? Weil sie die Arbeit machen, acht Stunden am Tag, jeden Tag." Und damit ist nicht Bücher lesen oder ins Fitness-Studio gehen gemeint, selbst wenn das hilft. MK sagt: "You are never too professional to train." Recht hatter.

 

7.) Woran liegt für Dich der wesentliche Unterschied bzw. Reiz zwischen der Theater-und Filmarbeit?

Theater ist unmittelbar, jetzt, live. Es gibt keinen zweiten Take, d.h. wenn was schiefläuft, musst du improvisieren, was einen echt auf Zack hält. Das Stück läuft durch, d.h. du spielst den ganzen Verlauf von Emotionen ohne Unterbrechung oder lustige Zeitsprünge. Du hast Publikum, das eine ganz eigene Energie mitbringt, mit der du auch bewusst oder unbewusst interagierst, und alleine das kann einen schon total pushen. Vom Applaus am Ende mal ganz abgesehen. Ich habe schon mit einem frisch gebrochenen Zeh gespielt oder mit Fieber, und das waren gute Vorstellungen. Auf der Bühne merkst Du es nicht, Adrenalin ist einfach ein geiles Zeug. Beim Film hast Du dafür die irresten Möglichkeiten andere Welten zu erzeugen, was heute mit Postproduction und Animation geht, ist unfassbar. Das in Kombination mit gutem Schauspiel ist totale Magie. Eine Bühne musst du füllen, die letzte Reihe muss dich hören können, die Kamera hingegen ist ganz, ganz nah bei dir und das Mikro hört alles, auch wenn du nur flüsterst. Die kleinste Regung wird eingefangen, d.h. du kannst einfach SEIN und das genügt.

 

8.) Ich kenne kaum eine Schauspielerin mit einer so unbändigen Energie und positiven Ausstrahlung! Was ist Dein Geheimnis?

Erstmal dankeschön! Ich habe da nie drüber nachgedacht. Auf die Gefahr hin, dass das kitschig klingt, ich liebe einfach diesen Beruf und bin dankbar für alles, was er mit sich bringt: Die Arbeit mit so vielen, vielen tollen Menschen, die Kreativität, die Energie, die so viele Leute in ein gemeinsames Projekt stecken, Menschen zu berühren, berührt werden, das Lachen, Weinen, Ackern, Toben, Schwitzen, Kämpfen, Wachsen und dass man so viele verschiedene Leben leben darf.

 

9.) Was sind/waren Deine schönsten Erlebnisse in Deiner bisherigen Laufbahn?

Für meine zweite Theaterrolle so viel Lob zu bekommen, war natürlich toll. Abgesehen von allem, was ich oben schon aufgezählt habe: Es gibt immer diese Momente, wenn du den Text "vergisst" und einfach bist, wenn es plötzlich deine eigene Stimme wird, wenn dein Spielpartner dich wirklich überrascht mit dem, was er als nächstes sagt oder tut, auch wenn du es tausendmal gehört hast. Wenn etwas entsteht, was du nicht planen konntest. Das sollte natürlich immer so sein, aber es gibt trotzdem immer wieder diese seltenen Augenblicke, wo es dich einfach aus den Socken haut und es sich anfühlt, als ob die Zeit stehenbleibt. Ein ganz besonders schönes Erlebnis im letzten Jahr war mit dem wunderbaren Lars Rudolph eine Szene aus "Drei Schwestern" beim Larry Moss Workshop zu spielen, auch wenn das "nur" eine Übung war, aber das war genau so ein Moment.

 

10.) Was war Dein peinlichstes/lustigstes Erlebnis auf der Bühne?

Lustig und peinlich zugleich: In der "Nacht der Puppen" war es aufgrund einer Art "Verwandlung" so, dass ich mir mit der anderen Schauspielerin (der ganz bezaubernden Marina Adam) das Kleid teilen musste, d.h. sie trug es im zweiten und ich im dritten Akt. Es war ein zartes weißes Sommerkleidchen mit dünnen Spaghettiträgern. In dem Stück ging es ziemlich heftig zu. An einer Stelle wurde Lippenstift auf ihrem Mund verschmiert, der regelmäßig abbrach und anschließend dazu diente, jeden der reintrat oder reinfiel so richtig einzusauen. Aber auch sonst gab es eine Menge extremer Körperlichkeit mit Rennen, Fallen, Kämpfen, Tanzen usw. Jedenfalls kam sie eines abends nach dem zweiten Akt von der Bühne, um mir wie immer das Kleid zu übergeben: Beide Träger waren gerissen und über den gesamten Rücken lief ein breiter knallroter Lippenstiftstreifen, wie bei einem verblutenden Stinktier. In den 20 Sekunden Umzugszeit konnte ich einen Träger festnadeln und den anderen irgendwie knoten, aber mitten im dritten Akt fiel alles wieder runter und ich war nur dankbar, dass wenigstens mein trägerloser BH oben blieb. Großartig, wir lachen heute noch.

 

11.) Wie willst Du mal von der "Bühne des Lebens" abtreten?

Nach einem glücklichen, erfolgreichen, erfüllten Leben, gerne uralt, idealerweise in den Armen von jemandem, der mich liebt, in einem Haus am Meer mit Musik in den Ohren und Blumenduft in der Nase.

12.) Ein Schauspieltip?

Einer? Oh Mann. Also, wenn's nur einer sein soll: Text können! Aber ansonsten würde ich noch sagen: Sei zuverlässig und pünktlich, konzentriert und fokussiert, egal, wieviel Heckmeck drumrum oder davor ist, wenn dein Einsatz ist, sei 200% da, spiele mit und für deinen Partner, ja, auch dann, wenn die Kamera nicht auf dir ist, hör zu!!!!, reagiere, lass was passieren, trau dich und trau dir, bleib frisch und wild, bewahr dir das Glitzern in den Augen und die Hummeln im Hintern, bleib dran, brich die Szene nicht ab oder deine Pläne, sei großzügig, unterstütze deine Kollegen, nimm möglichst nix persönlich (wenn einer mal rumpampt, ist er vielleicht einfach belastet, weil er gerade eine Komödie spielen muss, obwohl jemand gestorben ist), bleib freundlich, offen und professionell, werde nicht verbissen, freu dich und sei dankbar.

13.) Wo siehst Du Dich in 10 Jahren und darf ich Dich in ein paar Jahren wieder interviewen?

In 10 Jahren habe ich in vielen großartigen Filmen gespielt und arbeite weiterhin erfolgreich und glücklich, bis ich eines fernen Tages aus den Schuhen kippe. Nebenbei oder währenddessen genieße ich das Leben mit meinem Mann, meiner Familie und meinen Freunden und bereise die ganze Welt. Klar darfst Du mich wieder interviewen, wenn Du in 10 Jahren überhaupt noch die Zeit dazu hast. :)

Mehr über Claudia unter: http://www.claudia-dalchow.com/

Claudia Dalchow im Kinofilm "Schwester Weiss".
Claudia Dalchow im Kinofilm "Schwester Weiss".

News 15.12.2017

FILM / TV:
Der Kinofilm "Schwester Weiss" von Dennis Todorovic feierte am 17.11. seine Free-TV-Premiere auf arte.
BÜHNE:

Claudia Dalchow ist weiterhin im Euro Theater Central Bonn als Estelle in "Huis Clos" (Geschlossene Gesellschaft) von J.P. Sartre zu sehen. Das Stück wird in FRANZÖSISCHER Sprache aufgeführt.
Die Produktion "The Importance of being Earnest" von Oscar Wilde feierte am 7.12. Premiere. Claudia Dalchow ist in einer Doppelrolle als Gwendolen Fairfax und Miss Prism zu sehen. Regie: Marianne de Pury. Das Stück wird in ENGLISCHER Sprache aufgeführt. Hier geht es zu den Pressestimmen.

Ebenfalls spielt sie weiterhin in "Ein Klavier, ein Klavier! - Der große Loriot-Abend" in der Kammeroper Köln. Regie: Volker Hein. Im Januar 2018 geht das Stück für mehrere Wochen auf Tournee.
SPIELTERMINE für 2017/18 >> hier.
SYNCHRON:
Claudia Dalchow spricht für die Serie "Ghost Rockers" im Studio100 in Antwerpen.

SPRECHERIN:
Claudia Dalchow ist im aktuellen Online-Spot von TOYOTA zu hören.
MODERATION:
Claudia Dalchow moderierte das Event "SPOT AN - Werde Regisseur Deines eigenen Lebens" in Frankfurt.